7 Tage. // There was something in the water and now that something‘s in me.

Wuppertal, da wollten Sie nie hin? Aber Sie waren nach meinem letzten Eintrag auf dem Weg ins Ruhrgebiet, sind falsch abgebogen und auf der A46 hängen geblieben, nicht wahr?

Diesen Text hatte ich nie auf der Agenda. Mit sechzehn hätte ich lieber ein FDP-Wahlprogramm verfasst als eine rotzige Hommage an die Schwebebahnstadt. Mit sechzehn habe ich auch – ausgezehrt von Müdigkeit, Weltschmerz und Verständnislosigkeit – vorwurfsvolle Blicke aus den nicht geputzten Fenstern geworfen, die unsere Schule optisch von einem Parkhaus trennten. Sowi und Latein gleichermaßen indifferent (gelogen: feindlich) gegenüberstehend habe ich auf die schnell die Farbe wechselnde Hügel gestarrt.  Auf monströse Bauten aus den 70ern und auf einen kleinen, eingepferchten Fluss, der als einzige Funktion die Rechtfertigung dieses bizarren Stahlkonstrukts eine Etage weiter oben hatte. Der mit jedem Regenguss dreckiger wurde – andere Städte werden meteorologisch reingewaschen, Wuppertal wurde vor meinen Augen mit jedem Schauer grauer, trister, feindseliger.

Überhaupt dieses ewige Wasser. Ich hing als Kind quenglig an der Hand meines Vaters (Bonne anniv, übrigens!), als er einem Bekannten aus trockeneren Gefilden die aquatische Dramatik im Tal erklärte: „Manchmal regnet es für Tage. Das ist der Unterschied. Woanders regnet es auch, aber es hört auf. Hier nicht. Es kann Montagvormittags anfangen, immer heftiger schütten, dann Abends gleichmäßiger werden, die Nacht durch auf die Schieferplatten knallen, am Dienstagmorgen immer noch regnen, den ganzen Tag tropfen und bis mittwochnachts wieder am Stück gießen.“

,Es hat sich eingeregnet‘ ist so eine andere Floskel oder, wie jemand anderes dazu sagte: „Es plästert schon wieder“. Inuit haben vielleicht 50 Worte für Schnee, dieser Stadt fließt Regenwasser durch die Aorta.

 

Und dann ist etwas passiert. Vielleicht nennt man das Reputations-Gentrifizierung. Oder Erwachsenwerden.

Aber ich saß liebes- und sonstwie bekümmert in Essener Kneipen und habe versucht mit dem Fingernagel des rechten Daumens den Geburtstort aus meinem Perso zu kratzen – so beunruhigend nah war mir diese Stadt mit den zerfallenen Altbauten, dem stinkenden Schiefer, den feindseligen, immer meckernden Menschen, die, so lang ich denken konnte, vor lauter Fluchen auf die korrupte SPD lieber die andere Partei wählten – die Schauspielhäuser, Schulen und Parks gleichermaßen dem Regenguss aussetze. Den omnipräsenten Hundehaufen ohne dazugehörige Hunde oder Hundebesitzer, die armseligen Öffnungszeiten und dann all die rückgratbrechenden Erinnerungen an jeder Straßenecke.

Und während meine weichen, immer schlecht (gelogen: gar nicht) manikürten Fingernägel am Plastik der Bundesdruckerei herumschabten, wurde Wuppertal plötzlich… Berlin.

Zumindest beinahe. Situationen wie diese passierten immer häufiger, in immer anderer Zusammensetzung:

Ich sitze mit einem Pflaster um den Daumen gewickelt mit Kommilitoninnen in der Sonne, als sich das Gespräch um Wochenende und Wein dreht. Andächtig senkt jemand die Stimme und haucht: „Wart ihr schon mal in…Wuppertal?“, einiges Nicken einige aufleuchtende Augen folgen. Ich schlürfe schweigend an meiner jeunesse-dorée-Rhabarberschorle herum, während mir Namen und Orte um die Ohren geworfen werden.

Luisenviertel-Arrenberg-Ölberg-Hardt-Schusterplatz-Beatzundkekse-Utopia-Nordbahntrasse-Hutmacher-Skulpturenpark….

Die Liste ist lang und sie geht weiter und ich bin kein Reisebüro, aber…* Spannend wird es, wenn Menschen aus Niedersachsen, aus Hamburg oder Dortmund mir plötzlich Tipps geben, wo man die besten Weißweinschorlen bekommt. Und ich nicht mal das besagte Stadtviertel kenne, mich aber auf niedlich, entfremdete Art stolz fühle.

Das Bild, das jenseits der Stadtmauern von meiner verhassten kleinbürgerlichen Jugend(stil)stadt herrschte, wurde generalüberholt. Wo vorher Kondolenz ausgesprochen wurde (Pleitestadt, Nazistadt…) fragen mich heute Bekannte von Freunden von Bekannten nach Tipps auf dem Wohnungsmarkt. Und die belächelten Trottel, die nicht schnell genug flüchteten sind auf einmal die Pioniere der hippsten Stadt bis und seit Köln.

 

Sogar ich konnte all meine Flüche und Versprechen brechen, so bezaubernd ist sie geworden, die trauig-schöne Textilstadt: Weder Berlin noch Wien noch New York waren mir vor Jahren weit genug weg (dann kam die Liebe und der 30km-Zirkel). Doch seit Neustem kann ich wieder durch die bildschönen Straßenschluchten schländern (!) – ohne die frust- und flucht-verschmierte Brille meiner Schulzeit. Im Katzengold brunchen. In Utopia mit Biobier in den Sternenhimmel gucken. Den Sadowaberg hochkeuchen, schwindelig vor Höhe, Steigung und Euphorie. Auf der Hardt liegen, im letzten Abendsonnenschein, und Wein trinken.

Gestern Nacht bin ich nach Hause gelaufen, mit Zigaretten und Lakritz und Tocotronic. Wie schon mit sechzehn, mit zwanzig und dreiundzwanzigeinhalb.

Die Stadt ist älter, schöner und klüger – erwachsen – geworden. Und ich, ich werde mich nie verändern.

 

*Aber ich habe inzwischen einige Erfahrung als Stadtführerin, vermittle gern die gemütlichsten Schlafcouches und kann sagen, welche Kioske die beste Auswahl an klebrigen Haribo haben.

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6 Gedanken zu “7 Tage. // There was something in the water and now that something‘s in me.

  1. Pingback: Starbucks in der Tundra. // John Burnside. – Talk Welsh to me!

  2. Pingback: Man kann den Erwachsenen nicht trauen. // 37 days to go. – Talk Welsh to me!

  3. Pingback: Twin Town // Popcorn Edition. – Talk Welsh to me!

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